Nachhaltigkeitsstrategie in sozialen Einrichtungen

In diesem Blogbeitrag nehmen wir Nachhaltigkeitsstrategien von sozialen Organisationen bzw. gemeinnützige Einrichtungen in den Fokus. Wir wollen zeigen, wie Nachhaltigkeit Teil der strategischen Ausrichtung wird, wie man eine Nachhaltigkeitsstrategie in sozialen Institutionen aufbaut und welche Besonderheiten bei Betrieben des sozialen Sektors zu beachten sind.

Vorbemerkung: Uns ist bewusst, dass soziale Organisationen und gemeinnützige Institutionen sehr unterschiedlich sein können. Der Unterschied zwischen Schulen, Altenheimen, mobiler Pflege, Angebote zur Beratung für Jugendliche oder zur Suchtprävention ist enorm. Daher werden einige Aspekte mal mehr, mal weniger treffgenau für eine spezifische Einrichtung sein. Dieser Beitrag wird vielmehr einen anwendbaren Leitfaden bieten und den generischen Prozess, wie Nachhaltigkeit strategisch in sozialen Organisationen und gemeinnützigen Einrichtungen angegangen wird, aufzeigen.

Inhalt

Begriffsklärung: Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsstrategie

Zur Einführung möchten wir unser grundsätzliches Verständnis aufzeigen: Wenn wir von Nachhaltigkeitsstrategie schreiben, dann verstehen wir damit eine möglichst ganzheitliche Herangehensweise. Eine abgestimmte Kombination von Zielen, Leitbild, Prozessen, Kennzahlen, Maßnahmen und Projekten zur Entwicklung eines möglichst nachhaltigen Betriebs.

Nachhaltigkeit umfasst hierbei nicht nur Umweltthemen oder gar nur den Aspekt Klima. Es orientiert sich vielmehr an drei Dimensionen: Ökologie, soziale sowie wirtschaftliche Aspekte bzw. die Art der Geschäftsführung.

Typische Nachhaltigkeitsthemen in sozialen Organisationen

Um besser in das Thema hereinzukommen, wollen wir zunächst ein paar Beispiele für typische Nachhaltigkeitsthemen in sozialen Einrichtungen zusammentragen:

Umweltorientierte und ökologische Themen in sozialen Einrichtungen

  • Heizen und Stromversorgung: Energieverbrauch für eigene oder genutzte Gebäude
  • Umweltfreundliche Mobilität der Mitarbeitenden sowie der Besucher*innen / Klient*innen
  • Ernährung und Versorgung des Personals und Einrichtungsnutzer*innen / Patient*innen
  • Ressourcenschonung: Mülltrennung, , Reparatur, Upcycling
  • Flächennutzung, z.B. Dächer für Solaranlagen nutzen, Wände begrünen für die Biodiversität, Bepflanzen von Flächen, Entsiegelung von Plätzen und Einfahrten usw.
  • Klimafolgenanpassung, z.B. kühlende Wirkung durch Bäume im Sommer (Stichwort Mikroklima), Schutz von vulnerable Personen durch Schatten und Ruhebereiche, Sicherungsmaßnahmen gegen Unwetter. In diesem Punkt überschneiden sich ökologischen und sozialen Themen deutlich, da die Anpassung an Klimafolgen auch auf die Gesundheit und Sicherheit der Menschen wirkt.
Ökologische Nachhaltigkeit in sozialen Einrichtungen: Dachflächen kann man nutzen zur Begrünung, zum Auffangen von Wasser für Grünanlagen oder zur Installation von PV-Anlagen, um eigenen Storm zu erzeugen

Gesellschaftliche und soziale Belange in sozialen Einrichtungen

Bei sozialen Einrichtungen sind verschiedene Ebenen im Fokus. Einerseits die Mitarbeitenden, andererseits die Besucher*innen der Einrichtung oder die betreuten Personen und ferner Menschen in den vor- und nachgelagerten Teilschritten zur Erbringung der Dienstleistung. (Vergleich: Im privatwirtschaftlichen Unternehmen wäre dies gleichbedeutend mit der Wertschöpfung bzw. Wertschöpfungskette).

Typische Themen sind hier:

  • Arbeitsbedingungen vor Ort, Work-Life-Balance, New-Work-Ansätze
  • Nachwuchsgewinnung und Ausbildung, Schulung, Fortbildung der Stammbelegschaft
  • Gesundheitsmanagement, Prävention und Hilfe für mentale und körperliche Belastung
  • Fairness und Chancengleichheit, Diversity, Inklusion, Barrierefreiheit, Geschlechtergerechtigkeit
  • Inhalte der pädagogischen Arbeit oder in der Betreuung. Aspekte von Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)
  • Verantwortungsvolle Beschaffung, Einkauf und Nachnutzung
Teamgefühl in einem Bild
Soziale Nachhaltigkeit stärkt den Teamzusammenhalt und steigert die Jobattraktivität

Wirtschaftlichkeit und Art der Geschäftsführung (Governance) in sozialen Einrichtungen

  • Service- und Angebotsentwicklung, langfristige Ausrichtung auf Nachhaltigkeit
  • Austausch mit Nutzer*innen, Angehörigen, Eltern/Kindern (sog. Stakeholder-Dialoge)
  • Finanzierung, Sichern von Einnahmequellen, Sponsoring- oder Spendenmanagement
  • Transparenz, Berichtswesen, Kommunikation nach innen und außen
  • Mitbestimmung von Mitarbeitenden und Nutzer*innen der Einrichtung, etablieren und leben von demokratischen und partizipativen Strukturen
  • Regionale Wirtschaft, die soziale Einrichtung als gesellschaftliche und wirtschaftliche Akteurin und Teil von Wirtschaftskreisläufen
  • Digitale Verantwortung, Datenschutz, Einsatz und Umgang von Medien
Nachhaltige Geschäftsführung (governance) in sozialen Einrichtungen: Die Form und Art der Entscheidungsfindung und die Beteiligung der Klient*innen bzw. Nutzer*innen der Einrichtung sind hier wichtige Ansatzpunkte

Besonderheiten von sozialen Einrichtungen

Bevor wir den Blick auf die strategische Ausrichtung legen, möchten wir zunächst herausarbeiten, was soziale Einrichtungen und gemeinnützige Organisationen auszeichnet. Es gibt zahlreiche Besonderheiten im Vergleich zu klassischen, privatwirtschaftlichen Unternehmen wie beispielsweise dem Einzelhandel, einem produzierenden Mittelständler oder dem IT-Großunternehmen. In der Strategieentwicklung sollte auf diese Besonderheiten geachtet werden. Mehr noch, vielseits kann gut darauf aufgebaut werden.

Arbeitsethos, Leitbild und Selbstverständnis

Soziale Einrichtungen sind oftmals geprägt durch einen starken Arbeitsethos, ein ethisch geprägtes Leitbild des Trägers oder einem tiefverankerten Selbstverständnis, welches sich aus dem Stiftungsgegenstand, religiösen Verständnis oder einem humanistischen Weltbild speist.

Die sich daraus ableitenden Begebenheiten und Werte führen zu vielen Themen, welche in eine strategische Nachhaltigkeit einfließen. So geben Grundsätze wie die „Bewahrung der Schöpfung“ oder die „Würde des Menschen“ eine starke normative Prägung. Daraus leiten sich konkrete soziale und ökologische Ansprüche und Themen ab.  

Arbeit für und mit Menschen

Im Zentrum der Arbeit steht der Mensch. Das heißt, die Mitarbeitenden übernehmen oftmals höchste Verantwortung in Beaufsichtigung, Förderung, Pflege oder Betreuung von Menschen.

Einerseits ergibt sich daraus, dass die Mitarbeitenden und deren Leistung in den Fokus von sozialer Nachhaltigkeit rücken. Die Mitarbeitenden sind die wichtigste Ressource für den Erfolg der sozialen Organisation. Andererseits ist zu bedenken, dass alle Nachhaltigkeitsthemen stets in Verbindung zur Arbeit für bzw. mit den Menschen bedacht werden müssen.

Vorgaben zur Arbeit, Einschränkung der Handlungsfreiheit

Soziale Einrichtungen unterliegen im Besonderen engen Vorgaben des Trägers oder gesetzlichen Rahmenbedingungen. Das lässt weniger Entscheidungsspielraum als bei privatwirtschaftlich agierenden Unternehmen oder gibt bspw. strikter als in Unternehmen vor, wofür Gelder eingesetzt werden können. Daher gilt es, die Veränderungen der gesetzten Vorgaben und Rahmenbedingungen mitzudenken. Das passiert bspw. durch Interessensvertretung in der Politik oder die Lobbyarbeit beim Träger, um Veränderungen zu nachhaltigeren Rahmenbindungen zu bewirken.

Vielfältiges Aufgabenspektrum

Oftmals sind Institutionen und Einrichtungen mit mehreren Standorten vertreten. Womöglich gibt es verschiedenste Einrichtungen und Gebäudenutzungen vor Ort, es gibt gemietete Büros zur Beratung, mobile Angebote, Außengelände und Gärten, eigene Wohngebäude bzw. selbst angemietete Wohnungen u.v.m. Dabei finden sich unter den verschiedenen Dächern oftmals ein vielfältiges Aufgabenspektrum. Das alles führt zu einem hohen Grad an Komplexität. Die teils grundverschiedenen Ausgangslagen müssen in einer einheitlichen Strategie und einem gemeinsamen Verständnis für Nachhaltigkeit zusammengebracht werden – eine besondere Herausforderung.

Motive für Nachhaltigkeit im sozialen Sektor – der Mensch und das Selbstverständnis im Mittelpunkt

Besonderheiten zeigen sich auch, wenn man nach den Motiven für strategische Nachhaltigkeit bei den Mitgliedern der Organisation fragt. Wenn man diese herausarbeitet, zeigen sich einerseits die „Klassiker“, welche typischerweise auch in der freien Wirtschaft genannt werden. Dazu zählen:

  • Zukunftsorientierung, Herausforderung unserer Generation
  • Imagegewinn
  • Attraktives Angebot für Kund*innen bzw. Nutzer*innen
  • Abhebung von Konkurrenz in der Sozialwirtschaft
  • Begeistern durch soziale Innovationen
  • Effizienzgewinne, Kosteneinsparung
  • Nachhaltigkeit als Teil eines ansprechenden, modernen Arbeitsgebers
  • Gesetzen zuvorkommen
  • Vorbereitung auf Berichtspflichten der Nachhaltigkeit

In sozialen Organisationen bzw. gemeinnützigen Einrichtungen sind oft weitere Motive im Fokus. Die Analyse zeigt, der Antrieb für nachhaltiges Agieren speist sich oftmals zusätzlich aus folgenden Gründen:

  • Vorbild für Menschen und Gesellschaft sein
  • Nachhaltigkeit als Ausdruck des Selbstverständnisses, z.B. aus deren Leitbild, dem humanistischen Menschenbild („Würde des Menschen“) oder einem religiösen Motiv heraus („Bewahrung der Schöpfung“)
  • Mitarbeitende und Nachwuchs, welche eine starke Sensibilität haben für Fragestellungen wie gesellschaftliche Teilhabe, fairen Ausgleich zwischen Interesse und globale Gerechtigkeit

In mehreren Schritten zur Nachhaltigkeitsstrategie in sozialen Einrichtungen

Für eine nachhaltige Ausrichtung gilt es, alle relevanten Prozesse und Bereiche der sozialen Einrichtung mitzudenken und dabei die Anforderungen der verschiedenen Dimensionen (Ökologie, Soziales, Geschäftsführung bzw. wirtschaftliche Aspekte) in Einklang zu bringen.

in 7 Schritten zur Nachhaltigkeitsstrategie in sozialen Organisationen bzw. Nachhaltigkeitsstrategie in gemeinwohlorientierten Einrichtungen
Nachhaltigkeitsstrategie in sozialen Einrichtungen: Die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie sollte sich an den gezeigten Punkten orientieren. Die dargestellte Abfolge ist idealtypisch und kann natürlich abgeändert werden / Eigene Darstellung von plant values

Um als soziale Einrichtung Nachhaltigkeit ins Zentrum der strategischen Entwicklung zu rücken, sollen die folgenden Fragen eine Orientierung für die schrittweise Ausrichtung, abzuleitende Ziele und Maßnahmen sein. Damit sind die wichtigsten Bausteine für eine Nachhaltigkeitsstrategie in sozialen Einrichtungen gelegt:

Intention und Motive aus dem Selbstverständnis

  • Warum wollen wir nachhaltiger werden?
  • Wie leitet sich Nachhaltigkeit aus unserem Leitbild oder Auftrag ab? Inwiefern ist Nachhaltigkeit bereits Teil unseres Selbstverständnisses?
  • Wie sehen wir unsere Verantwortung? Wofür wollen wir Verantwortung tragen und wofür nicht?

Umfeld-, Ist- und Betriebsanalyse

  • Was passiert bereits in vergleichbaren Einrichtungen im sozialen Sektor? Welche Entwicklungen oder soziale Innovationen gibt es?
  • Was machen andere bereits besser, von wem können wir lernen?
  • Was tun wir bereits für Nachhaltigkeit in den Bereichen soziale Verantwortung, Ökologie, im wirtschaftlichen Handeln und der Geschäftsführung?
  • Was erwarten unsere Stakeholder wie zum Beispiel Nutzer*innen, Klient*innen, Mitarbeiter*innen, Geldgeber*innen, Sozialträger usw.?
  • Welche Regulierungen, Gesetze, Vorgaben, Berichtspflichten usw. kommen auf uns zu?

Wesentlichkeitsanalyse (Themen identifizieren und bewerten)

  • Welche Nachhaltigkeitsthemen sind für uns und unsere Stakeholder besonders relevant?
  • Wo können wir am meisten bewegen, wo haben wir eine große Wirkung?
  • Wie wollen wir nach innen und außerhalb der Organisation wirken? Wie wollen wir auf Mitarbeitende, Klient*innen bzw. betreute oder geschulte Personen wirken?

Nachhaltigkeitsstrategie mit Themen und Zielen

  • Wie fügen sich die identifizierten Nachhaltigkeitsthemen in unsere Entwicklung und vorhandene Strategie ein?
  • Welche Interessenkonflikte sind zu bedenken? Wie bringen wir die verschiedenen Dimensionen der Nachhaltigkeit zusammen?
  • Welche Themen und Ziele wollen wir setzen und als erstes angehen?

Maßnahmen und passende Projekte

  • Mit welchen Maßnahmen können wir die Ziele für die Nachhaltigkeitsthemen erreichen?
  • Wie kann ein Pilotprojekt in unserer sozialen Einrichtung aussehen? Was kann dabei anschauliches Beispiel mit motivierender Wirkung sein?  
  • Welche Leitfäden, Netzwerke und Best Practices aus Sozialverbänden, Interessensgemeinschaften oder von anderen gemeinnützigen Organisationen existieren? Was könnte uns als Inspiration dienen?

Strukturen und Verstetigung

  • Wer soll für Umsetzung, Kontrolle und Weiterentwicklung verantwortlich sein? Wie werden hier Sozialträger, Geld- und Gesetzgeber eingebunden?
  • Welche Prozesse, Verantwortlichkeiten und Personen brauchen wir zur kontinuierlichen Verfolgung der Ziele und Maßnahmen?
  • Wie werden wir Ressourcen verfügbar machen, wie schaffen wir Zeit, Budget und personelle Kompetenz für das Thema?

Kommunikation

  • Wie ist die Verknüpfung zum Selbstverständnis oder Leitmotiv der sozialen Einrichtung?
  • Wie kann ich die Ziele und erreichten Erfolge gut, verständlich und ehrlich kommunizieren?
  • Welche Storys, Rahmenwerke (z.B. die SDGs), bekannte Siegel/Zertifizierungen für gemeinnützige Organisationen nutzen wir?
  • Haben wir Fürsprecher*innen, die unserer sozialen Einrichtung bei der Kommunikation unterstützen? Wer sind mögliche Nachhaltigkeits-Botschaftler*innen?
  • Wie kann ich die medialen Empfänger*innen authentisch in unsere Reise und auch Schwierigkeiten einbinden?

Fazit

Die dargestellte Schritt-für-Schritt Anleitung für eine strategische Ausrichtung an Nachhaltigkeit ist idealtypisch und kann natürlich abgeändert werden. Genauso können, je nach Organisation und Entwicklungsstand, einige Schritte übersprungen oder müssen umso genauer bearbeitet werden. Das ist im Einzelfall zu entscheiden.
Weitere hilfreiche Beiträge zu Nachhaltigkeitsstrategien in Unternehmen haben wir bereits veröffentlicht, wobei das Vorgehen grundsätzlich auf soziale und gemeinwohlorientierte Einrichtungen übertragbar ist. Hier haben wir für Sie den passenden Überblicksartikel dazu verlinkt.

Die ernsthafte Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit lohnt sich! Die Integration in Kernprozesse bringt zahlreiche Vorteile mit sich. So können Kosten auf lange Sicht reduziert werden und die Organisation wird widerstandsfähiger gegenüber Krisen. Soziale Einrichtungen können durch die nachhaltige Ausrichtung ein besseres Angebot für deren Besucher*innen oder Klient*innen anbieten. Eine hohe Passung zwischen Handeln und abgeleiteten Ansprüchen aus dem Selbstverständnis wird für Motivation und Anziehungskraft sorgen.

Der Weg dahin ist lang und bedarf viel Aufmerksamkeit, Zeit und Einsatz. Mit diesem Blogbeitrag wollten wir Orientierung geben und bewusst machen, mit welchen Besonderheiten sich gemeinwohlorientiere oder soziale Einrichtungen auf den Weg machen. Ist man sich diesen Besonderheiten bewusst, kann man daraus resultierende Schwierigkeiten von Beginn an mitdenken oder die Nachhaltigkeitsstrategie gezielt auf den daraus resultierenden Stärken aufbauen.

Weiterführende Artikel

Bildquellen: Eigene Darstellung oder www.pexels.com/ von I. Samkov, Kindel Media, A. Piacquadio 

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