Positive und negative Effekte des Tourismus auf Nachhaltigkeit

Der Tourismus zeigt klar positive und negative Wirkungen auf Nachhaltigkeit. Welche sind das und welche wiegen stärker? Eine Frage, die sich beantworten lässt?

Franziska Kramer auf Reisen
Über die Autorin

Schon in Kindheitstagen schlug Franziskas Herz für das Ausland. Sie lebte mehrere Jahre in Japan. Ihr Portfolio der „Wahlheimaten“ und Länderexpertise erweiterte sie neben Russland, Spanien und den USA mit einer Reise ohne Flugzeug von Deutschland bis nach Bali.

Welche Bedeutung hat der Tourismus für Nachhaltigkeit?

Der Reisemarkt boomt

Seit 1950 sind die Auslandsreisen weltweit um mehr als das 50-fache gestiegen (im Vgl. zu 2018). Ähnlich entwickelten sich die Fluggastzahlen. Auch der Kreuzfahrtenmarkt boomt. Mehr als 2,2 Mio. Deutsche begeben sich jährlich auf Kreuzfahrten. Der Kreuzfahrtenmarkt in Deutschland rangiert an der Spitze in Europa. Auch im Gesamtkontext fällt Deutschland nicht weit ab von der Spitze und rangiert unter den Top 3: Gemessen an den Gesamtausgaben für Tourismus führt China die Rangliste, mit Abstand gefolgt von den USA und Deutschland. Wie können wir diesen Zahlen einen wirtschaftlichen Rahmen geben?

Tourismus oder Reisen?
Dazu ist zunächst eine begriffliche Einordnung interessant: Tourismus bezeichnet und umfasst die Gesamtheit aller Aktivitäten und Beziehungen, welche mit der Fortbewegung und dem Aufenthalt an einem Reiseziel außerhalb des üblichen Lebensmittelpunktes oder Arbeitsortes in Zusammenhang stehen. Während das Reisen eher die Aktivität an sich widerspiegelt, stellt der Begriff Tourismus die wirtschaftliche Einordnung als Branche in den Vordergrund. Im sprachlichen Gebrauch werden beide Begriffe teils synonym verwendet.

Tourismus als Wirtschaftsfaktor
Tourismus ist Motor für die Weltwirtschaft

Der Tourismus trägt zu 10 % des globalen Bruttoinlandsproduktes bei. Mehr als 6 Billionen Dollar werden pro Jahr umgesetzt; das entspricht 3 x der Wirtschaftskraft Frankreichs. In vielen Ländern macht der Tourismus einen nicht wegzudenkenden und unverzichtbaren Wirtschaftszweig aus. So zeigen die Seychellen und Malediven mit fast 70 % Anteil des Tourismus am BIP eine besondere Abhängigkeit auf, Georgien, Island und Kambodscha rangieren bei > 30 %. Thailand und Griechenland pegeln sich bei > 20 % ein, übertroffen von Kroation mit 25 %. Selbst die Abhängigkeiten in rasant wachsenden Volkswirtschaften wie China (11 %) oder etablierten Industrieländern wie Deutschland (8,6 %) und Frankreich (9,5 %) sind wesentlich. (Hier geht es zur Rangliste basierend auf den Daten des WTTC, World Travel and Tourism Council) Eine gute Wirtschaft und damit Wohlstand bedingt durch den Tourismus kann als Stabilisator in instabilen Regionen wirken. 

Tourismus fördert Dialog und Toleranz

Neben der Wirtschaftskraft kommt dem Tourismus eine Botschafter-Rolle zu. Er erfüllt einen Bildungsauftrag: Durch das Erfahren anderer Lebensweisen und Kulturen erweitert er den Horizont für jene, die reisen, ebenso wie für jene, die in ihrer Heimat Reisenden begegnen. Tourismus fördert so den Austausch und das Lernen voneinander weit über den touristischen Sektor hinaus: Wie werden Kulturgüter erhalten? Wie wird Landwirtschaft betrieben? Der Tourismus kann so einen Beitrag zu Nachhaltigkeit durch Toleranz sowie Inklusion leisten. (vgl. Link)

Tourismus ist Treiber für sozialen Wohlstand

Nicht minderbedeutend ist das Verhältnis von Beschäftigten in diesem Sektor. 10 % der Menschen weltweit arbeiten im Tourismus. Der Tourismus bildet für hunderte Millionen von Menschen weltweit die Existenz- und Lebensgrundlage. Besonders in strukturschwachen Entwicklungs- und Schwellenländern wirkt das Wachstum der Reisebranche als Treiber für Wohlstand. Dabei fallen nicht nur direkt mit dem Tourismus im Zusammenhang stehende Branchen ins Gewicht. Zahlreiche indirekt verknüpfte Wirtschaftsbereiche sichern den Lebensunterhalt zahlloser Familien.

Tourismus kann zur Erreichung der Sustainable Development Goals beitragen

Die Konsequenz ist der Rückgang in extremer Armut lebender Menschen. Diese positive Wirkung auf den Wohlstand der Menschheit bringt positive Effekte auf die Erreichung der Sustainable Development Goals, der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bis 2030, mit sich. Weniger Armut (SDG Ziel 1) geht einher mit SDG Ziel 2 – Kein Hunger und ist essentiell für Gesundheit und Wohlergehen (SDG Ziel 3) und Zugang zu Bildung (SDG Ziel 4). Der wachsende Wohlstand trägt zur Steigerung der Lebenserwartung bei. (National Geographic, Ausgabe 04/2020) Idealerweise sollte die Erreichung dieser Ziele nicht oder möglichst wenig im Zielkonflikt mit anderen Nachhaltigkeitszielen, wie Klimaschutz, stehen. (mehr Infos zum Beitrag von Tourismus zu den SDGs auf http://tourism4sdgs.org/, einer Plattform der UN Welttourismusorganisation)

Corona – Gefahr für wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand

Die wichtige soziale und wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus wird durch Covid-19 besonders deutlich: Durch weltweite Reisestopps brechen binnen weniger Wochen die Einnahmen auf unbestimmte Zeit weg. Direkt betroffen sind alle direkt mit dem Tourismus verknüpfte Akteure, wie Reiseagenturen, Hotellerie, Gastronomie, Sport- und Kulturbetriebe sowie Mobilitätsdienstleister zu Land, Luft und Wasser. Dieses Erliegen zieht Kreise in indirekt im Tourismus beschäftigte Branchen. Dazu zählt der Dienstleistungssektor, wie Reinigung, Wäschereien, Catering. Daneben leidet auch das produzierende Gewerbe, wie Druck- und Verlagshäuser, lokales Handwerk bis hin zu weiteren Zulieferern, welche von der Reisebranche abhängen. Dies führt akut zu einer existenziellen Bedrohung für Einzelschicksale, Familien und ganze Nationen. Der direkte Zusammenhang zwischen Wohlstand und Tourismus wird durch die Pandemie deutlich. Die wirtschaftlichen und sozialen Einschnitte vor Ort sind dramatisch und in vollem Umfang derzeit noch nicht absehbar.

Welche Probleme entstehen aus dem Tourismus bezüglich Nachhaltigkeit?

Der Tourismus trägt wesentlich zum Klimawandel bei

Jedoch zeigt der Tourismus ganz offensichtliche negative und teilweise nicht ganz so eindeutig negative, aber diskutierendwerte Seiten. Der Tourismus trägt mit 8% Anteil an den globalen Emissionen signifikant zu deren Entstehung bei. Die Branche begünstigt den Klimawandel und trägt wesentlich zu den Folgen des Klimawandels bei. Projektionen zufolge werden die tourismusbedingten Emissionen zwischen 2005 und 2035 um 130 Prozent zunehmen, sich also mehr als verdoppeln. 95 % der gesamten Emissionen  sind auf Verkehr (davon 45 % Luftverkehr, obwohl nur 17 % der Reisen mit dem Flugzeug erfolgten) und Gebäude zurückzuführen. Daher sind diese beiden Bereiche maßgeblich für das Klimaschutzpotenzial der Branche. Eine Verringerung in diesen Bereichen der Branche könnte sich somit stark auf die Gesamtemissionen auswirken. Exemplarisch wird die schnelle ökologische Wirkung mit der Erholung der Natur (nicht nur durch den Tourismus bedingt) durch den aktuellen Stillstand in Folge der Corona-Pandemie sichtbar.

Tourismus und seine Auswirkungen zu Nachhaltigkeit
Massentourismus zerstört die Natur

Massentourismus gefährdet i.d.R. besonders stark Natur- und Kulturräume. Nimmt eine Destination mehr Touristen auf, als sie verkraftet, schadet dies nachhaltig Natur und Kultur. Wer kennt ihn nicht von Bildern, den Traumstrand der Maya Bay bei der thailändischen Insel Ko Phi Phi? Dramatisch sind die Umweltschäden. Die Wasserbelastung durch den Schiffsverkehr hat zu einem massenhaften Korallensterben geführt. Das viel zu hohe Menschenaufkommen täglich hat „The Beach“ in Mitleidenschaft gezogen. Der Strand muss vollständig saniert werden – ein Beschluss der Behörden erlaubt eine Renaturierung. Eine ähnliche Dramatik spielt sich auf der kleinen Insel Komodo ab, welche das Interesse von Touristen mit der endemischen Riesenechse, den Komodowaran, weckt. Die Besucherzahlen verfünffachten sich innerhalb von 10 Jahren. Mit ihnen auch der Müll, Korallenschädigung und Störung und folglich Zurückdrängung der Warane (mehr dazu hier). Ein sanfter Tourismus kann zur Lösung des Problems beitragen und auf lange Sicht Einkommen und zugleich Natur und gesellschaftlichen Wohlstand sichern. Dazu müssen alle 3 Dimensionen der Nachhaltigkeit (Soziales, Ökologie und Wirtschaft) in Einklang gebracht werden.

Pro und Contra von Nachhaltigkeit im Tourismus
Traumurlaub = Müllparadies?

Nicht minder problematisch auf dem Festland wie auch in besonderem Maße in den Inselstaaten wie den Malediven zeigt sich die Entsorgung des Mülls. In diesem Urlaubsparadies gelangen beispielsweise 500 t Müll täglich von den maledivischen Inseln auf die Malediveninsel Thilafushi. 3,5 kg Müll entstehen pro Tourist pro Tag. Der Müll bestehend aus Hausmüll und hoch giftigen Stoffen verbrennt unter offenem Himmel. Eine Umweltkatastrophe für Luft, Wasser und Boden. Die Malediven – ein Müllparadies? (hier geht es zu einer minimalen Impression)

Kulturen am Kipppunkt

Kulturräume stehen nicht minder auf dem Spiel. Kleine Bergbauerndörfer in Georgien platzen aus ihren Nähten. Nicht nur die Bevölkerung selbst geht dem ursprünglichen Handwerk und der Landwirtschaft (zur wichtigen Eigenversorgung) nicht mehr nach, wodurch ein eminenter Teil der Kultur verloren geht. Auch unterliegt die lokale Architektur fundamentalen Neubauten. In Florenz wird das Problem des Massenansturms durch eine weitere Problematik sichtbar: Die Stadt in der Toskana kann sich vor steigenden Mieten nicht retten. Die Vermietung des Wohnraums an Touristen über Plattformen wie AirBnB ist ein weiterer Faktor, welcher die lokale Bevölkerung aus dem Zentrum verdrängt. Besonders in strukturschwächeren Regionen zeigt sich ein weiterer Spagat auf: Die erwirtschafteten Gewinne großer internationaler Hotelketten verbleiben nicht in der Region, sondern fließen ins Ausland ab. Bei diesen Ketten besteht darüber hinaus das Risiko, die Westernisierung, oder Verwestlichung bzw. Westernization, voranzutreiben, indem ausländische Produkte, Dienstlesitungen, Speisen mehr nachgefragt werden als lokal gegebene. Dies kann unmittelbare Auswirkungen auf die Verdrängung lokaler Kultur haben, bestimmt die Nachfrage auf dem Weltmarkt das Angebot. Hier ergibt sich eine Schnittstelle für die eigene Verantwortung: Wir alle bestimmen mit unserem persönlichen Verhalten positive wie negative Effekte auf Kultur und Natur mit.

Insta Boom macht blind

Tausende Kilometer Entfernung sind heute kein Hindernis mehr. Soziale Medien wie Facebook und Instagram vernetzen die gesamte Welt. Auf Instagram kann jeder live mitverfolgen, was Freunde, Bekannte oder Idole gerade tun und wo sie sich aufhalten. Reisen ist längst bedeutender Teil der Selbstdarstellung geworden. Reist eine wichtige Person in eine Destination, löst dies einen „Nachahmeffekt“ aus. Vereinfacht wird dieses „Identifikationsverhalten“ durch das riesige Angebot an Billigflügen und Low-Budget-Reisen. Diese treiben die weltweite Mobilität und damit den CO2-Ausstoß an. Ein zweites Problemfeld, welches sich aufspannet, ist die Prüfung auf „Instagram-Tauglichkeit“. Ein Reiseziel wird nicht mehr danach ausgesucht, die lokale Kultur zu erfahren, sondern vielmehr das beste Foto oder Video zu posten. Pic it or it didn’t happen! So ein Tourismus führt unweigerlich zu Diskrepanzen zwischen Reisenden und lokaler Bevölkerung, z.B. durch unangemessenes, respektloses Verhalten von Touristen gegenüber der Kultur. In diesem Falle kann sich der Tourismus gar als Förderer von Intoleranz auftreten.

Dem Ende entgegen: Last Chance Tourism

Der so genannte Last Chance Tourism, welcher darauf abzielt, vorm Verschwinden bedrohte Natur- und Kulturräume schnell zu besichtigen, „bevor sie weg sind“, begünstigt sogar deren Verschwinden. So ist der Tourismus in der Arktis zu vorm Aussterben bedrohten Arten wie Eisbären ein Widerspruch in sich selbst. Die Erderwärmung heizt den Arten die Lebensgrundlage weg, während der Tourismus die Erderwärmung noch beschleunigt. (Empfehlung: Hannes Jaenicke: Im Einsatz für Eisbären) Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet.

Fazit

Die Tourismuswirtschaft ist auf eine Vielzahl an ökologischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Ressourcen angewiesen – und trägt gleichzeitig zu ihnen bei. Als Wirtschaftsmotor und Arbeitgeber sorgt er für wachsenden Wohlstand und entsprechend besseren Zugang zu Ernährung, Gesundheitversorgung und Bildung. Der Tourismus mit allen direkt und indirekt involvierten Branchen kann die Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele positiv unterstützen. Besonderes Potenzial für positive Effekte auf die SDGs durch Tourismus bestehen im Bereich der wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit.

Für Destinationen, Reiseveranstalter und Unterkünfte besteht durch wachsende Nachfrage großes Potenzial, wenn sie Nachhaltigkeit zum Teil Ihres Geschäfts machen. Was dazu gehört, zeigen wir hier auf.

Zugleich ist der Tourismus CO2-Emmionstreiber und verstärkt den Klimawandel. Gerade unter dem Gesichtspunkt der wachsenden Weltbevölkerung und des zunehmenden Wohlstandes wird der Reisemarkt weiter boomen. Diese Mehrbelastung kann sich negativ auf Umwelt und Kultur niederschlagen. Die ökologischen Folgen sind dramatisch und können eine negative Rückkopplung auf Wirtschaft und Gesellschaft auslösen. 

Die komplexe Verflechtung der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Komponenten ist eine große Herausforderung in der Bewertung von Tourismus und Nachhaltigkeit. Positive und negative Effekte des Tourismus auf die 3 Dimensionen der Nachhaltigkeit sind kritisch zu hinterleuchten und sorgfältig abzuwägen.

Bedroht sich der Tourismus mit seiner negativen Wirkung auf das Klima nicht selbst?

Wir arbeiten mit Unternehmen an Nachhaltigkeit.
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