Klimawandel und Tourismus: Welche Regionen sind betroffen und was kann getan werden?

Der Tourismus trägt zum Klimawandel bei und ist gleichzeitig bedroht von ihm. Die Risiken für den Sektor sind bezeichnend. Es gibt aber auch Chancen. Wichtig ist frühzeitig zu erkennen, wie sich das Klima in der Region verändert und was Destinationen tun können, bevor es zu spät ist. Der Artikel soll außerdem helfen, Zusammenhänge zwischen Klimaanpassung und Klimaschutz zu verstehen.

Inhalt:

Emissionen beim Reisen

CO2-Fußabdruck ist wichtig für Anbieter und Nachfrager

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Der Tourismus führt zu wesentlichen CO2-Emissionen weltweit. Und das Bewusstsein dazu steigt sowohl auf Anbieter- als auch Nachfrageseite. Nicht umsonst bilden sich Begriffe wie Flugscham und die Nachfrage nach Kompensation von CO2-Emissionen kundenseitig steigt. Auf der Anbieterseite versuchen Flugzeugbauer wie Airbus bis 2035 (mehr dazu) erste emissionsfreie Großraumflugzeuge auf den Markt zu bringen. Auch andere Unternehmen forschen am grünen Fliegen. Doch warum überhaupt?

Status Quo tourismusbedingter Emissionen

Die An- und Abreisen zu einem Zielgebiet sowie die Fortbewegung vor Ort in einer Destination führen zu hohen CO2-Ausstößen. Besonders hohe Emissionen sind dem Flugverkehr zuzurechnen. Durch den hohen Verbrauch von fossilen Energieträgern bei Start und Landung sind besonders Kurzstreckenflüge klimaschädlich. Auch der Individualverkehr per Auto führt zu einem vergleichsweise hohen Treibhauseffekt, während die Mobilität zu Fuß oder per Fahrrad, Bahn und Bus einen wesentlich kleineren Fußabdruck hinterlässt. Die An- und Abreisen zu einem Zielgebiet sowie die Fortbewegung vor Ort in einer Destination führen zu hohen CO2-Ausstößen. Um es ganz klar zu beziffern: 5-8% der globalen Emissionen lassen sich auf den Tourismus zurückführen. (UBA, 2020) Hauptverursacher hier mit 95% der Emissionen sind Verkehr und Gebäude. (Klimawandel: Was er für den Tourismus bedeutet, 2016)

CO2-Footprint des Tourismus
CO2-Fußabdruck der Verkehrsmittel im Vergleich (Brot für die Welt – Tourism Watch: Bildungsmaterial Verantwortungsvoll Reisen, 2019)

Ein Blick in die Zukunft

Schauen wir genauer auf den Bereich Verkehr, so zeichnet sich der Trend ab, dass der Flugverkehr schneller wächst als der Tourismus insgesamt, unberücksichtigt der Reise- und Flugzahlen aufgrund der Corona-Pandemie. Das heißt immer mehr Reisen werden mit dem Flugzeug unternommen. Reisten im Jahr 2000 „nur“ 30% der Deutschen mit dem Flugzeug, wurden im Jahr 2018 schon 41% der Reisen mit dem Flugzeug unternommen. Schauen wir noch weiter in die Zukunft und glauben wir der Prognose, dass sich die globale Mittelschicht bis 2035 mehr als verdoppelt, werden entsprechend mehr Menschen reisen und die mobilitätsbedingten Emissionen im Tourismus sprunghaft ansteigen. Genau dies sagt auch der Internationale Luftfahrtverband voraus und rechnet mit einer Verdopplung der Flugpassagierzahl auf insgesamt 8,2 Mrd. jährlich. (Statista 2020) Was bedeutet das? Auch zukünftig wird es große Implikationen des tourismuswirtschaftlichen Verkehrs auf das Klima geben. Unter der Voraussicht einer vollständigen Umstellung auf C02-neutrale Airline-Flotten wäre diese Aussage neu zu bewerten.

Bis hierhin haben wir also beleuchtet, wie Tourismus auf den Klimawandel wirkt und wirken wird. Nun wollen wir betrachten, wie der Klimawandel auf den Tourismus wirkt und was getan werden kann.

Vom Klimawandel betroffene Tourismusregionen

Globale Klimaveränderungen

Gleichzeitig ändert sich das Klima weltweit, wie Wetterdaten zeigen. Auswirkungen sind vielerorts zu spüren, angefangen vom Gletscher- und Eisschwund in der Arktis einhergehend mit steigendem Meeresspiegel. Dieser führt zu einem Schwund an Stränden und bedroht besonders Inselstaaten und Küstenstädte. Bei einem Anstieg von 2 Grad Celsius sind aufgrund des einhergehenden Meeresspiegelanstiegs laut Berechnungen der UNESCO mehr als 15% aller Welterbestätten bedroht. Noch drastischer zeigt sich das Szenario, wenn alles Eis schmilzt. Simulationen hierzu hat die National Geographic aufgestellt (National Geographic, 2013) Daraus resultierende Fluchtbewegungen können zum Verlust von Tradition führen. Neben der Kultur ist auch die Biodiversität bedroht. Die Population in der Tierwelt ist in den letzten 50 Jahren um mehr als 2/3 geschrumpft, so der WWF Living Planet Report 2020. (Anmerkung der Redaktion: Klimawandel ist hierbei nur ein Grund). Davon sind Regionen weltweit betroffen, die an touristischem Potenzial verlieren.

Wie verändert sich das Klima in deutschen Tourismusregionen?

Klimaveränderungen zeigen sich auch in Deutschland. Klimaindikatoren, wie Jahresmitteltemperatur, Hitzeintensität, Extremwettertage, zeigen ein eindeutiges Bild. In Deutschland wird bspw. ein Anstieg der Jahresmitteltemperatur um ca. 4 Grad bis 2100 und eine Vervierfachung der Hitzetage (> 30°C) gegenüber 1961-1990 prognostiziert. In einigen Destinationen haben sich die Hitzetage bereits zwischen 1961-1990 und 1990-2019 vervierfacht, so z.B. am Bodensee oder im Allgäu. In der Zugspitzregion sind die Schneetage im gleichen Zeitraum um 13 % zurückgegangen. An der Ostsee, der Mecklenburgischen Seenplatte und Städten wie Dresden ist die Temperatur um mehr als 1 Grad Celsius gestiegen zwischen 1961-1990 und 1990-2019. Bis 2100 sollen sich diese Indikatoren stark verschärfen. (Klimaveränderungen am Bodensee, im Allgäu, in der Zugspitz-Region, in Dresden, Ostsee, Mecklenburgische Seenplatte)

Klimawandel in Dresden in Zahlen
Klimaveränderungen Stadt Dresden (Klimainformationssystem, 2020)

Was bedeutet der Klimawandel für den Tourismus?

Reiseziele im Klimawandel

Warum ist es für Tourismusanbieter wichtig über Klimaveränderungen Bescheid zu wissen? Der Tourismus ist besonders sensibel gegenüber Wetter- und Klimaveränderungen. Bleibt der Schnee aus, fällt die Skisaison aus. Schauen wir nicht bis in die Alpen oder ins Erzgebirge (Studie „Schneesicherheit in Sächsischen Skigebieten nimmt ab“, 2020), sondern nach Dresden, so erkennen wir auch hier Veränderungen: Die Hochwasser 2002 und 2013 führten zu einem vollständigen Erliegen des Tourismus. In den Dürresommern 2018 und 2019 im Kontrast konnte die Dampfschifffahrt auf der Elbe aufgrund der niedrigen Pegelstände ihr Angebot nicht aufrechterhalten. Im Spreewald wiederrum nehmen Wasserqualität und Wasserstände in einem bedrohlichen Maße ab, dass bis heute zahlreiche Wasserstraßen und Kanäle nicht befahrbar sind. (Reihe „Savanne Oberlausitz“ Sächsische Zeitung, 2020) In der Sächsischen Schweiz wurde die Wegequalität aufgrund der Räumarbeiten mit Großmaschinen infolge des Borkenkäfereinschlags stark in Mitleidenschaft gezogen. Das Klima beeinflusst also den Tourismus in Form von Länge und Qualität einer Saison, Wasserqualität und Wasserständen in Gewässern, Biodiversität, Naturgefahren, Pollen und Krankheitserregern, wetter- und klimaabhängigen touristischen Aktivitäten sowie Kosten für Betrieb und Instandhaltung von touristischen Infrastrukturen.

Die Kernaussage: Der Tourismus muss sich dem Klimawandel anpassen

Gleichfalls zeigt dies, dass Klimaveränderungen zum Verlust von touristischem Angebot führen können. Der Tourismus ist womöglich mehr als jede andere Branche auf ein funktionierendes ökologisches und soziales Umfeld angewiesen. Die Verletzlichkeit gegenüber Umweltschäden, den Folgen des Klimawandels, Sicherheitsproblemen oder Gesundheitsrisiken ist besonders hoch. Letzteres sehen wir am aktuellen Beispiel. Konkret auf den Klimawandel bezogen heißt das, dass sich die Tourismusregionen dem Klimawandel anpassen müssen.

Was braucht es für eine Klimaanpassung?

Klimaanpassungsprozess gestalten

Klimaanpassung identifiziert die Gefahren und kann damit Schäden minimieren. Im besten Fall können zu erwartende Veränderungen sogar zu einem Vorteil genutzt werden. Ziel sollte eine proaktive und langfristige Planung auf strategischer Ebene sein, welche sich in die Gesamtstrategie, z.B. einer Destination, einschmiegt. Dies impliziert, dass eine Klimaanpassungskonzept nicht los gelöst von anderen Prozessen und Akteuren stehen sollte, sondern in einem integrativen Beteiligungsprozess erarbeitet und in einer Gesamtstrategie verankert werden sollte.  Nach dem Erkennen von Potenzialen und Risiken für die Region ist es entsprechend nötig, ein Bewusstsein für die Thematik bei Akteuren zu schaffen, um auf Augenhöhe dann Strategie und Maßnahmen zu entwickeln, umzusetzen und zu bewerten sowie im weiteren Prozess anzupassen und zu verbessern.

Prozessschritte und Tools, Hilfsmittel und Leitfäden

  1. Potenzial und Risikoanalyse

    Klimainformationssystem

  2. Sensibilisierung der Akteure

    IPCC Kernergebnisse zum Klimawandel im Tourismus

  3. Strategie- und Maßnahmenplanung

    Leitfaden Anpassung an den Klimawandel

  4. Maßnahmenumsetzung

  5. Messung, Bewertung und Verbesserung

Risiken und Potenziale des Klimawandels erkennen – Fragen für Destination und Leistungsträger

Sowohl touristische Akteure als auch Destinationen insgesamt können etwas tun und ihre Chancen und Risiken erkennen. Fragen, um diese zu identifizieren, sind beispielsweise:

  • Welche Folgen des Klimawandels sind vor Ort zu erwarten?
  • Wie wirkt sich das auf die Nachfrage aus?
  • Wie hoch ist das Klimarisiko bei Konkurrenten oder Konkurrenzregionen?
  • Welches ungenutzte Potenzial hat die Region?
  • Welche Zielgruppen müsste man für dieses Potenzial ansprechen?

Wo erhalte ich Informationen zu den Klimaveränderungen im meiner Tourismusregion?

Die Grundlage einer Risiko- und Potenzialanalyse ist der Blick auf Historien und Prognosen der Klimaveränderungen in Reisegebieten. Dafür gibt es hervorragende Tools.  Diese stellen Informationen zu den Indikatoren zur Verfügung. Wir empfehlen das Klimainformationssystem (hier entlang), welchem die Messdaten des Deutschen Wetterdienstes zugrunde liegen. Es zeigt die mittleren klimatischen Veränderungen im Zeitvergleich in allen Tourismusregionen in Deutschland. Es erlaubt sowohl den Blick auf bisherige Klimaveränderungen als auch Voraussagen zu künftigen Entwicklungen. Ein weiteres wertvolles Tool ist das ReKIS (hier entlang). Dieses Regionale Klimainformationssystem ist speziell auf die Anforderungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zugeschnitten.

Klimawandel in der Tourismus-Region Italien
Starkregenereignisse in Mexiko (Genaro Servín von pexels)

Risiken für die Destination, wenn nichts getan wird

Nehmen wir das Beispiel Skigebiete zur Hand, wird schnell klar, was eine Nichtanpassung bedeutet. Die Wintertouristen erwarten Skipisten im Topzustand und ein winterliches Landschaftsbild mit schneebedeckten Bergen. Wird das Zielgebiet diesem Anspruch nicht gerecht, werden Reisende die Destination wechseln – und tun dies auch. Gefällt es ihnen heute nicht in A, fahren sie morgen nach B. Die Folge sind ausbleibende Gästezahlen bis hin zum wirtschaftlichen und sozialen Schaden der gesamten Destination einschließlich der Leistungsträger. Auch ökologische Folgen können enorm sein z.B. durch Biodiversitätsverluste oder zusätzliche Emissionen infolge von Beschneiung, welche den Klimawandel weiter anheizen. Daneben entsteht ein finanzieller Mehraufwand durch Versuch der Herstellung des Normal- oder Ursprungszustands, aber auch durch explodierende Versicherungskosten.

8 Maßnahmen zu Klimawandel im Tourismus

Maßnahmen zur Klimaanpassung

Lösungsansätze für eine Klimaanpassung können unterschiedlicher Natur sein. Dies hängt ganz von der antizipierten Klimaveränderung in der jeweiligen Tourismusregion ab. Sinkende Wasserstände machen andere Anpassungsmaßnahmen nötig als zunehmende Extremwetterlagen. Steigt beispielsweise die Jahresmitteltemperatur in einer Wanderregion, ergeben sich Potenziale, wie die Nutzung der Nebensaison. Hotels können dies in ihrem Marketing berücksichtigen, entsprechende Angebote stricken und so auf eine stabile Auslastung über das Jahr hinweg hinwirken. Dies kann positive Effekte auf Personalmanegement intern und BesucherInnenlenkung extern haben. Ist mit häufigeren Extremwetterlagen zu rechnen, bieten sich bei Leistungsträgern Schulungen der Mitarbeitenden zum Verhalten in Krisensituationen an. Als Kommune oder DMO können Notfallpläne Schäden und Risiken reduzieren. Wichtig ist ein holistisches Bild der Lage, um nicht Maßnahmenkonflikte zu forcieren. Beispielhaft können folgende Lösungsansätze einer strategischen Klimaanpassung dienen bei folgenden Klimaveränderungen:

Steigende Jahresmittel-temperatur

Nutzung der Nebensaison ausbauen

Outdooraktivitäten fördern und vermarkten

Zunehmende Extremwetterlagen

Hochwasserschutz und Überschwemmungsflächen erweitern

Krisen- und Notfallpläne erarbeiten

Sinkende Wasserstände und -qualität

Wasserrückhaltung und Wassereinsparung intensivieren

Renaturierung und Selbstreinigungskraft stärken

Abnehmende Schneetage

Neue Angebote schnüren und neue Zielgruppen ansprechen

Dynamischen Naturschutz fördern

Klimaanpassung und Klimaschutz müssen Hand in Hand gehen

Kurzfristig effektive, jedoch langfristig schädliche Lösungen, wie Beschneiung, sollten genau abgewogen werden. Diese können den Klimawandel weiter verstärken. Sie können die Destination sogar langfristig schädigen und noch intensivere Anpassungszwänge erfordern. Deshalb sollten sie als Lösung nicht in Betracht gezogen werden. Eine langfristige Anpassung hingegen schließt Klimaschutzziele mit ein. Der Klimaschutz ist ein wichtiges Instrument, um letztlich das ökologische und soziale Umfeld zu schützen, auf welches der Tourismus so stark angewiesen ist. Der Tourismus als ein großer Verursacher von Emissionen muss seine Verantwortung wahrnehmen, Klimaschutz und Klimaanpassung zu kombinieren. Daher ist es unabdingbar, neben der Klimaanpassung dem Klimaschutz Raum in einer Gesamtstrategie zu geben. Wie man Klimaschutz im Tourismus umsetzen kann, lesen Sie in unserem nächsten Blogartikel „Klimaschutz im Tourismus: Was tun?“, welcher am 01.12.2020 online geht.

Für Destinationen, Reiseveranstalter und Hotels bieten wir Leistungen zur Klimaanpassung an. Hier mehr zu unseren Leistungen für touristische Akteure.

Wir arbeiten mit Unternehmen an Nachhaltigkeit.
Strategie, Controlling und Unternehmenskultur für Nachhaltigkeit.

Bei komplexen Themen wie diesem beraten wir, sind Sparringspartner oder Impulsgeber. Wenn Sie mehr zu dem Thema erfahren oder es sogar selbst angehen wollen, schreiben Sie uns gern:

info@plant-values.de

Related Posts