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Nachhaltigkeits-Wissen und -Methoden

Anleitung für eine klimafreundliche Filmproduktion

Filme nehmen ihr Publikum mit in eine andere Welt, sie unterhalten, schockieren und bilden sogar manchmal. Deswegen waren sie in den schwierigen Zeiten des Lockdowns ein willkommener virtueller Weg raus aus dem eigenen Wohnzimmer. Da auch global gesehen Menschen immer mehr Filme und Serien konsumieren, ist die Herstellung von Medieninhalten zu einer signifikanten Größe des menschengemachten CO2-Ausstoßes angewachsen. In diesem Blogartikel geht es darum zu zeigen, wo CO2 entsteht und wie es sich in einer klimafreundlichen Filmproduktion verringern lässt.

Wieviel CO2 steckt im Film?

Ein 90-minütiger „Tatort“ kann bei der Produktion bis zu 100t CO2 (zum Vergleich: die deutsche Lebensweise verursacht pro Person durchschnittlich ca. 11,6t CO2 pro Jahr, Quelle: UBA) und mehr frei setzen. Anhand von umweltbewussten Handlungsgrundsätzen kann dieser Ausstoß aber enorm sinken. Der SWR produzierte als einer der ersten öffentlich-rechtlichen Sender einen ‚grünen‘ „Tatort“ mit nur 40t CO2 im Bilanz-Ergebnis. Wie klimafreundliche Filmproduktion gelingt und wo die großen Handlungsfelder liegen, wollen wir hier umreißen.

Die Handlungsfelder einer klimafreundlichen Filmproduktion 

Inhalt:

Ein gutes Drehbuch beginnt mit einer guten Story

1.  Im Drehbuch vorausdenken

Das Schreiben des Drehbuchs legt den Grundstein, auf dem wichtige Entscheidungen für die Filmproduktion und den Dreh aufsetzen. Wo spielt die Handlung? Wie oft wechselt der Drehort? Fliegen die Charaktere durch die Welt? Welche Art von Geschichte und Weltsicht vermittelt der Filmstoff?

Die Hauptrollen tragen Identifikationspotential für das Publikum. Daher ist nicht zu unterschätzen, wie sich Nachhaltigkeit als Ganzes im Film unterbewusst übermittelt, indem Rollen divers gezeichnet sind und die Charaktere Umweltbewusstsein als das ‚Normal‘ leben. Sie würden dann z.B. klimafreundliche Verkehrsmittel nutzen oder Coffee-to-Go nicht aus dem Wegwerf-Becher trinken. Noch präsenter wird das Thema, wenn Klimaschutz oder die Gegenwart des Klimawandels kreativ in den Vorder- oder Hintergrund einer Filmstory eingearbeitet ist.

2. Den Dreh umfassend durchplanen

Ist das Drehbuch fertig, beginnen die Planungen für die Umsetzung, also der Dreharbeiten.

Zu diesem Zeitpunkt wird im kreativen Prozess entschieden, wie aufwändig der Dreh ausfällt und somit (unbewusst) der Energieaufwand mit entsprechendem CO2-Ausstoß. Es gilt generell: so effizient wie möglich auf die tatsächliche Nutzung hin planen und mehr Zeit in die Team-Absprache investieren. Ansonsten passiert es, dass zum Drehtag ‚lieber zu viel als zu wenig‘ ans Set transportiert wird, weil die Vorabsprache fehlte.

Je nachdem, welche Option in den folgenden vier Produktionsbereichen genutzt wird, fällt der Energieverbrauch geringer aus als bei einer konventionellen Produktion. Weniger Energiebedarf bedeutet besser fürs Klima.

A) Reisen und Transport genau kalkulieren

Die Reisen und Unterbringung des gesamten Produktionsteams, der Schauspieler*innen und der kreativen Spitze sind eine der größten CO2-Quellen einer Filmproduktion. Dabei machen Flüge naturgemäß einen substantiellen Bestandteil aus und können stark auf eine klimafreundliche Produktion hin wirken, wenn sie auf das nötige Minimum beschränkt werden. Insbesondere Kurzstreckenflüge lassen sich durch Bahnfahrten im ICE ersetzen. Dazu braucht es allerdings auch die Bereitschaft des Teams. 

Für kurze Wege vom Hotel zum Set lassen sich Hybrid-PKWs oder Elektro-Autos mieten. Dadurch sinkt der Treibhausgasausstoß dieses Projektbereichs. Größere Fahrzeuge und LKWs zum Transport von Technik und Ausstattung sind derzeit noch kaum mit E-Antrieb in der Angebotspalette von Autovermietern erhältlich. Emissionsarme LKWs (CNG/LNG) sind im Hinblick auf ihren CO2-Ausstoß derzeit eine gute Alternative zum konventionellen Diesel.

Kein Film ohne Licht

B) Technik und Catering präzise abstimmen

Licht, Ton, Kamera und mehr

Eine Filmproduktion ist in meisten Fällen technikaufwendig, sowohl in der Schnittarbeit und Postproduktionsphase. Aber auch der Dreh benötigt neben Kameras und Tonaufnahmegeräten je nach Drehort (im Studio oder ‚on location‘) auch viel, viel künstliches Licht. Großformatige, lichtstarke Scheinwerfer, die einen Nachtdreh taghell ausleuchten können, benötigen dementsprechend viel Strom. Aber auch kleinere Lampen, platziert an unterschiedlichen Stellen des Sets zur kreativen Lichtgestaltung, ergeben in Gänze einen großen Stromhunger. Ein Dreh braucht selbstredend Kameras und Tontechnik, daneben auch Speichermedien und diverse weitere Technik. Dieser Energiebedarf wird am Set in der Regel mit wenig klimafreundlichen Diesel-Generatoren abgedeckt.

Problem: Generator

Diese sind nicht nur laut und erst ab einer bestimmten Auslastung wirklich effizient in der Energieumwandlung von Diesel zu Strom. Das größte Problem sind die Abgase – Stickoxide, Ruß und Kohlenstoffoxide, die zumeist ‚on location‘ stundenlang in die Umwelt gepustet werden. Leider oft unabhängig davon, ob der Generator gerade gebraucht wird oder nicht. Er läuft trotzdem. Wenn auch das Catering-Mobil für die Crew einen eigenen Generator braucht, verdoppelt sich die Belastung für Menschen am Set und die Umwelt 

Energiesparende Alternativen zum Generator

Im Markt für mobile Energiesysteme wachsen gerade Alternativen basierend auf (gekoppelten) Batteriesystemen heran, die im Idealfall Energie aus Öko-Strom vorhalten oder vor Ort durch Solar oder (Bio-)Gas neu geladen werden können. In Kombination mit energiesparender LED-Licht-Technik, einer guten Absprache und kreativem Neudenken gerade von Belichtung (z.B. Einsatz von Tageslicht) können in diesem Produktionsbereich eine Menge CO2 und andere schädliche Treibhausgase gespart werden. Dieses Umdenken weg von der Konvention braucht neben neuen Geräten aber zuerst eine motivierte Crew. Nur mit zusätzlichen Tests, dem entsprechenden Know-How und kreativer Zusammenarbeit aller fachlichen Expert*innen am Set wird eine neue Arbeitsweise auch gelingen.  

Klimafreundliches Film-Catering geht am besten ohne Fleisch

Catering mit umweltbewusster Verpflegung am Set

Gibt’s heute Schnitzel?

Im Catering kommt neben dem Generator selbstredend die Komponente Fleisch als CO2- intensives Lebensmittel hinzu. Die Reduktion von Fleischgerichten ist ein sensibles Thema, weil alle am Set davon betroffen sind und Verständnis nicht automatisch vorhanden ist. Dafür in einer klimafreundlichen Filmproduktion zu werben, lohnt sich unter dem Argument, dass vegetarisches Catering durch den geringeren Einsatz natürlicher Ressourcen und Flächen einen deutlich kleineren CO2-Fussabdruck hinterlässt.

Auch bei allen anderen Lebensmitteln sollte auf regionale, idealerweise auch bio-zertifizierte Produkte geachtet werden. Möglichst verpackungsfreie Nahrungsmittel, wiederverwendbares Geschirr sowie die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung sind weitere Grundüberlegungen für mehr Ökologie im Catering.

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C) Bei Set-Bau und Ausstattung den Abfall mitdenken

Das Reduzieren von Abfällen und Ressourceneinsatz durch innovative, umweltschonende Materialien sind auch Thema, wenn es um Bauten für klimafreundliche Filmsets geht.

Vor allem Wiederverwendung über Fundus für Kostüm, Requisiten und Set-Bauteile sparen im Vergleich zum Neukauf. Auch die Entsorgung fällt dann weg, wenn das geliehene Material wieder zurückgegeben werden kann. Die Weitervermittlung von neu gekauften, aber noch gebrauchsfähigen Materialien erschließen sich gerade einige junge Unternehmen als nachhaltigen Geschäftszweck. So z.B. Trash Galore, die große Platten, Holzlatten, Farbreste und ähnliches abholen und an kreative Projekte weiterreichen.

Was sind die Problemfelder im Material-Bereich?

Kleidung hat viele implizierte Risiken für Umwelt und Mensch durch:

  • giftige Färbeverfahren
  • Mißachtung von Menschenrechten in der Lieferkette, z.B. durch höchstprekäre soziale Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern
  • niedrige Recyclingfähigkeit der Stoffe

Kleidung, aber vor allem eingesetztes Material im Set-Bau sind durch toxische Lacke und Farben am Ende der Produktion nur noch als Sondermüll umweltgerecht zu entsorgen. Natürlich lässt sich nicht jedes Film-Set oder Kostümgarderobe aus Fundus-Fundstücken zusammenstellen. Hier lohnt sich die Suche nach klugen Innovationen bei den Baustoffen, die ökologisch und sozial verantwortungsvoll hergestellt werden und auf neuartigen Grundkomponenten wie Pilzen basieren. Siegel für sozial fair und umweltschonend produzierte Produkte gibt es in beiden Sparten. Dabei ist FSC-zertifiziertes Holz wohl am bekanntesten, wird aber nicht standardmäßig eingesetzt. Statt verklebtes Spannholz wie MDF zu verbauen, das sich schwierig entsorgen lässt, könnten Pappwaben- Platten eine mögliche Alternative sein. Wie bei der Technik ist auch hier das Prinzip des Know-Hows, der Motivation zum Testen und der Offenheit für kreative Experimente gefordert um das gemeinsame Ziel klimafreundlicher Film zu erreichen.

Klimafreundliche Filmproduktion inkludiert auch Postproduktion

D) Postproduktion energieeffizient leisten

Nach dem Dreh werden die digitalen Bilder geschnitten und durch visuelle Effekte ergänzt.

Dieser Schritt kann je nach Art des Films sehr zeit- und datenaufwändig sein. Gerade wenn viele Effekte im Bild einsetzt werden, steigen die Datenvolumina für Bearbeitung und Speicherung an. Wurde zusätzlich in hochauflösendem 4k, 6k oder 8k gedreht, braucht es für die weitere Gestaltung der Bilder immer leistungsstärkere Rechner und Server. Das wiederum bedeutet im Umkehrschluss mehr Energie und stets aktuelle Technik. 

Der umweltfreundliche Hebel liegt hier nun vor allem im Strombezug und der Energieeffizienz der Geräte. Bislang sind erst einige wenige Pioniere den Weg zur nachhaltigen Postproduktion aus persönlicher Überzeugung heraus gegangen. Damit zeigen sie, dass sich ökologischer Anspruch und professionelle Technikdienstleistung nicht gegenseitig ausschließen. Bewegte Bilder aus Tübingen haben beispielsweise konsequent ihre Kunden-Leistungen ökologisch ausgerichtet und arbeiten in einem klimafreundlichem Firmengebäude.

Es gibt genügend gute Gründe für klimafreundliche Filmproduktion

Es muss nicht teurer werden

Klimafreundlich zu arbeiten, lohnt sich in der Filmbranche nicht nur weil sich der ökologische Impact verringert. Neben weniger CO2, sinkendem Ressourceneinsatz und Abfallmengen, ist die finanzielle Ersparnis ein großes Plus. Wo weniger Material benötigt wird und durch frühe Planung und bessere Vor-Absprachen weniger ‚Sicherheits‘-Vorrat ans Set geschafft wird, sinken in der Regel auch die Gesamtkosten.    

Von klimafreundlich zu nachhaltig

Neben den ökologischen Aspekten ist die soziale Komponente des Filmdrehs heute immer wichtiger. Lange Arbeitstage, großer Druck, niedrige Bezahlung für Crew und Dienstleister sowie fehlende Familienvereinbarkeit machen das Berufsfeld zunehmend unattraktiv für Nachwuchskräfte. Deswegen sind positive Vorkehrungen zur Team-Zufriedenheit und guter Stimmung am Set ein weiterer Aspekt, der die Nachhaltigkeit des Produktionsprozesses um die soziale Ebene ergänzt. Motivierte Team-Mitglieder arbeiten nicht nur besser zusammen, sie sind auch für Folgeprojekte und damit langfristig zu begeistern

Die Nachfrage wächst

Netflix, Sky, die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender – sie spüren den steigenden Druck ihres Publikums zu mehr Klimabewusstsein und veröffentlichen inzwischen eigene Nachhaltigkeitsberichte oder schließen sich Brancheninitiativen wie dem Arbeitskreis „Green Shooting“ an. Dort wird seit einigen Jahren von Produktionsfirmen, Förderern, Sendern und Verbänden gemeinsam an ökologischen Prinzipien für die Branche gearbeitet. Somit werden also die Auftrag gebenden Sender und Plattformen ökologische Anforderungen an ihre Lieferanten, die Filmproduzent*innen, herantragen.

Die Filmförderung zieht nach

Und auch die staatlichen Fördermittel für Filmproduktionen werden absehbar an Umwelt-Kriterien gekoppelt. Dafür werden derzeit in Zusammenarbeit mit Experten ökologisch orientierte Standards entwickelt und in der Praxis getestet. Wer in Zukunft Filmförderung in Anspruch nehmen möchte, würde dann eine klimabewusste Arbeitsweise nachweisen müssen. In den nächsten Jahren wird somit in der deutschen Filmbranche der Weg zu klimafreundlichen Filmen und Serien Schritt für Schritt geebnet.

Wie beginne ich damit, meine nächste Filmproduktion klimafreundlich aufzusetzen?

Infos und Leitfäden online

Die beschriebenen Maßnahmen helfen dabei, die Herstellung einer Serie oder eines Films klimafreundlicher aufzusetzen. Das erfordert frühzeitige Planung, idealerweise ab dem Zeitpunkt des Schreibens. Weiteres Informationsmaterial und Leitfäden wurden im Arbeitskreis „Green Shooting“ und bei den regionalen Film Commissions zusammengetragen. Sie geben eine Handreichung für die Praxis und liefern außerdem wertvolle Dienstleisterlisten für die verschiedenen Drehregionen.

Green Consultants begleiten beratend

Sogenannte Green Consultants sind Experten auf dem Gebiet umweltschonender Herstellungsmethoden und begleiten Produktionsfirmen während der Projektlaufzeit. Seit kurzem gibt es in Deutschland Zertifizierungskurse für Green Consultants, da dieses Spezialwissen auch durch höhere Anforderungen in der öffentlichen Filmförderung jetzt stärker nachgefragt wird.

Langfristig nachhaltig arbeiten

Besser noch als der projektbezogene umweltbewusste Dreh ist die Erweiterung auf das gesamte Geschäftsmodell des produzierenden Unternehmens. Mit einem umfassend aufgesetzten Nachhaltigkeitskonzept lässt sich die Arbeitsweise einer Filmproduktionsfirma grundsätzlich strategisch auf Nachhaltigkeit in der ökologischen, sozialen und ökonomischen Dimension ausgerichtet.  

Dadurch erhöhen sich Arbeitergeber-Attraktivität, Gesundheit und Motivation der Mitarbeitenden und letztlich auch die Produktivität. Einen Überblick geben wir in unserem Blogbeitrag „Der umfassende Leitfaden zum Aufbau einer Nachhaltigkeitsstrategie“.

5. Fazit

Es gibt viele Ansatzpunkte bei einer Filmproduktion, klimafreundlich zu arbeiten und damit CO2 zu sparen. Diese reichen vom Drehbuch bis zur Postproduktion und bieten in den einzelnen Abteilungen durch gute Planung und alternative Materialien und Techniken großes Potential zur Reduktion negativer Umwelteinwirkung.

Wir arbeiten mit Unternehmen an Nachhaltigkeit. 
Strategie, Controlling und Unternehmenskultur für Nachhaltigkeit. 

Bei komplexen Themen wie diesem beraten wir, sind Sparringspartner oder Impulsgeber. Wenn Sie mehr zu dem Thema erfahren oder es sogar selbst angehen wollen, schreiben Sie uns gern: 

info@plant-values.de